Der Schreiber

Einer will schreiben. Er vermutet, dass er schreiben möchte, weil er gerne schreibt. Meistens schreibt er für sich. Manchmal überlegt er sich aber auch, wem er schreiben könnte. Aber leider kennt er kaum jemanden, dem er schreiben kann. Oder zumindest nur ganz wenige. Weil er kaum jemanden kennt, dem er schreiben könnte und möchte und der auch ihm schreibend antworten würde, schreibt er lieber für sich selber. Oder für alle.

 

Der Erzähler

Eine Geschichte ist ein Haus, pflegt er auf die Frage nach dem Wahrheitsgehalt seiner Erzählungen zu antworten. Hoch oben im Dachstock logiert das verzehrende, metaphysische Sehnen und zuunterst im feuchtdunklen Keller verstecken sich verwilderte Erinnerungen und wunderbar schmutzige Träume. Im Parterre wohnen das Absehbare, das Plagiat und die Ambition, im Hochparterre die präzise Beobachtung, das saubere Handwerk, der gute Stil und der elegant geschwungene Spannungsbogen, in der Belle Etage das betörend Unerhörte, das Traumtänzerische und die unermessliche Leidenschaft. Die Wahrheit aber wohnt an einer unbekannten Adresse. Darum beantwortet der Erzähler die Frage, ob er selber im Erzählten wohne, gerne wahrheitsgemäss mit ja und nein. 

 

Der Umgepulste

Der Aufprall war ungebremst und heftig. Ohne einen Gedanken kletterte er durch das zersplitterte Seitenfenster. Ein warmer Tropfen rann in Zeitlupe über seine Wange. Schweiss oder Träne? Er tat, was zu tun war. Beruhigte den Familienvater, der vor ihm so brüsk gebremst hatte. Sprach mit der Polizei. Bestellte den Abschleppdienst. Dann sass er am linken Rand der Strasse, den Blick ins Nichts. Er spürte seinen Puls in den Schläfen. Ein Regen schüttete alles weg. Und dann plötzlich diese Leichtigkeit, als ob ihm das Blut in umgekehrter Richtung durch die Adern fliessen würde. Die wirklich wichtigen Dinge sind ihm bis heute nicht mehr wirklich wichtig. Und noch immer ist dieses Leichte in ihm, dieses sanfte Pulsieren in den Schläfen und diese Lust, sich im Unvorhersehbaren treiben zu lassen, die Füsse voran und den Blick ins Blaue.

 

Die Lebensmüde

Eine findet sich mitten in der Nacht in einem Raum ohne Fenster und Türen. Knapp unterhalb der Zimmerdecke flimmert wie in einem umgedrehten Schwimmbecken der Wasserspiegel. Langsam, stetig und unaufhaltsam senkt sich der Spiegel des Wassers von der Decke zum Boden. In kurzer Zeit wird der Raum ohne Fenster und Türen ganz unter Wasser stehen. Ein paar Nächte später findet sie einer mit Atemstillstand im Bett. Bis zum Eintreffen der Ambulanz beatmet er sie notdürftig. Als sie sich dann nach ein paar Tagen begegnen, beschimpft sie ihn verbittert. Sie habe sich in der Szene massiv verschuldet, um genügend guten Stoff für einen goldenen Schuss zu bekommen. Und nun müsse sie diese Schulden wider Erwarten weiss Gott wie begleichen, weil ein Idiot sie nicht in Ruhe habe sterben lassen.

 

Der Flaneur

Der Begeher und der Beseher kennen sich gut. Sie sind sogar eng verwandt. Sie sind nämlich Zwillinge, siamesische Zwillinge. Womöglich sind sie sogar ein und dieselbe Person. Diese Person hat sich in jungen Jahren autodidaktisch die Kunst des Flanierens angeeignet. Der ideale Ort für solche Lehrgänge ist Paris. Statt wie geplant die Sommerkurse an der école de langue zu absolvieren, spaziert er tage- und nächtelang stadtplanlos durch das urbane Labyrinth. Im grossen Unterschied zum stationären Beobachten - beispielsweise aus der durchaus verlockenden Perspektive eines Strassencafés - vereinigt sich beim gelassenen Schreiten und Schauen die von aussen herangetragene Vielfalt an Sinneseindrücken laufend mit der körpereignen Polyrhythmik von Schritt, Atem und Puls. Dieses Zusammenströmen führt zu jenem schwebenden Zustand, bei dem man mit der Welt und die Welt mit einem eins wird

 

Der Coroniker

Kinder, ihr dürfts hier net singe! ...schwäbelt einer breitständig vor den im Tram Sitzenden. Mit schulmeisterlich erhabener Stimme und erhobenem Zeigefinger ermahnt er einen wunderbar ausgelassenen Kindergeburtstagsschwarm. Dumm nur, dass er selber keine Maske trägt. Und noch dümmer, dass die ordentlich maskierten Kinder dies bemerken und mit anschwellender Lautstärke Maskenpflicht! Maskenpflicht!! Maskenpficht!!! skandieren. Als ihn dann eine ältere Dame treffsicher als blöden Schnösel tituliert, verflüchtigt er sich endlich. Stumm stolpert er bei der nächsten Haltestelle aus dem Tram. Und die ältere Dame lässt es sich nicht nehmen, ihm unter dem schallenden Glücksgelächter der Kinder  zum Abschied ihre zweihändig verlängerte Nase zu präsentieren.

 

Die Babuschka

Suchinitschi. Letzte Station vor der Grenze. Nachtzug von Moskau nach Kiew. Halb noch im Schlaf, halb schon nicht. Hinter dem spiegelnden Fenster ein riesiges Hundchen aus Plüsch. Kätzchen und Kater ganz grell daneben in Rot und in Blau. Schillernd in Weiss dort die Maus. Mitten im Zoo das Gesicht der Babuschka, die alle trägt. Im Grossen Vaterländischen Krieg war Suchinitschi heftig umkämpft, denn hier verknoten sich die Eisenbahnlinien von Smolensk nach Tula und von Moskaus nach Kiew. Der Bahnsteig ist bis heute grau in grau. Aber er verwandelt sich, sobald einer der Züge hält, in einen surrealen Zoo voller Stofftiere in den schrillsten Farben. Halb Lächeln halb Not im Gesicht stehen Babuschki in Reihe der Länge des Zuges entlang, halten die Kreaturen in die Zugfenster und verkaufen sie für nichts. Nachtzug von Moskau nach Kiew. Halb schon im Schlaf, halb noch nicht. Nächster Halt jenseits der Grenze.

 

Der Menschenleerer

Um schon früh zum Auskommen der Familie beizutragen, hat Hodler als Kind Berge, Bauern und Blumen für Touristen gemalt. In seinen letzten Schaffensjahren hat er nur noch für sich selber gemalt und ausschliesslich das immer gleiche Gebirge portraitiert. Und seine sterbende Geliebte. In der Luft, über den von ihm immer in aller Frühe gemalten Bergen, leuchtet die Morgendämmerung. Das Gebirge und die vorgelagerten Hügel liegen noch im Schatten. Und im See spiegelt sich das Leuchten des Lichts in der Luft. Jedes dieser Bilder ist menschenleer. Jedes dieser Bilder zeigt eine Welt ohne Menschen und ohne jeden Hinweis auf Menschen. Jedes dieser Bilder zeigt eine Zeit lange vor oder lange nach der Menschheit. Und in jedem dieser von einem Menschen gemalten Bilder leuchtet die übermenschliche Schönheit einer Welt ohne Menschen.

 

Der Gezeichnete

Sie hat der Deubel in meine Schule gekackt! wirft ihm Christian Griepenkerl, Leiter der Wiener Akademie der schönen Künste, an den Kopf. Und er schämt sich seines Schülers so sehr, dass er ihn 1909 beim Abschluss der Akademie bittet, niemandem zu verraten, dass er bei ihm studiert hat. Entdeckt und gefördert wird das leuchtende Talent von Egon Schiele dann zum Glück von Gustav Klimt. Seinen künstlerischen Durchbruch erlebt er im März 1918 an der Sonderausstellung der Wiener Secession. Kurz danach schreibt er: Liebe Mutter, meine Edith erkrankte vor acht Tagen an spanischer Grippe und bekam Lungenentzündung dazu. Auch ist sie im sechsten Monat der Schwangerschaft. Ich bereite mich auf das Schlimmste vor. Am 28. Oktober stirbt Edith und auch ihr Kind. Drei Tage später stirbt Schiele an der gleichen Krankheit im Alter von 28 Jahren. Doch aus seiner von einer erschütternden Not gezeichneten Kunst strahlt bis heute eine betörende Leidenschaft.

 

Die Fernverwandte

Jede Sekunde war kostbar. Wir machten darum als Kinder vorgängig eine Liste mit all dem, was wir der Watete in den drei Telefonminuten, die jedes hatte, berichten wollten. Einmal jährlich durften wir mit unserer entfernten Verwandten im Rhodesien telefonieren. Sie war als junge Frau dorthin gereist, um den Menschen zu helfen. Diese nannten sie Watete. Eine Watete ist das weibliche Oberhaupt einer schwarzen Grossfamilie. Alle paar Jahre, wenn sie Heimaturlaub bekam, besuchte sie uns und brachte die wunderbarsten Geschichten mit. Aus Rhodesien wurde Simbabwe und Mugabe ersetzte Smith. Alle hofften auf Besserung. Zuerst wurde es schlimm für die Weissen. Dann für alle. Unsere Watete wurde alt. Dann krank. Im Spital bekam sie als Weisse keine Behandlung. Die Familie, um die sie sich ihr Leben lang gekümmert hatte, kümmerte sich nun so gut es ging um sie. Eines Nachts kam ein ausgehungerter Einbrecher und schlug unsere Watete tot.

 

Die Glücksbringerin

Schwester Stella ist die einzige. Und nur sie allein weiss jedem bei allen körperlichen und seelischen Gebresten Abhilfe oder zumindest Linderung zu verschaffen. Sonst verkehrt in all diesen Zellen, Gängen und Sälen ausschliesslich männliches Personal: die Patres und die ihnen anvertrauten Zöglinge. Die zweite Klasse des Progymnasiums verbringt dieses Jahr einen Sommermonat zur Vertiefung und Anwendung ihrer Fremdprachkenntnisse in Paris. Ihre Pension befindet sich direkt neben einem Kulturkino mit durchlässiger Schallisolation. Abend für Abend begleitet Violetta die Jünglinge mit ihren herzzerreissenden Arien in den Schlaf. Nur einer ist allzu spät noch unterwegs, findet sich irgendwie irgendwo in einer verlorenen Gasse unterhalb der Sacré-Cœur, wo ihm endlich eine die Zunge in den Mund steckt und mit beglückender Hand in den Schritt fasst.

  

Der Tod

Ztotgfürchtischaugschtorbe. Dieser Grossmuttersatz ist seine erste Begegnung mit dem Tod. Die Zweite, als Grossmutter sich im Spital mit letzter Kraft sämtiche Schläuche aus den Adern reisst, um endliche sterben zu können. Die dritte als Ministrant: Wenn jemand im Dorf stirbt, wird er ab und zu aufgeboten, um in der Abdankung zu ministrieren. Weil Schule und Kirche nicht kommunizieren, ministriert er manchmal angeblich auch dann, wenn niemand beerdigt wird, aber etwas Unerfreuliches auf dem Schulplan steht. Und einige Jahre später findet er beim Spazieren einen Toten: Das Wasser im Schritt. Den Kopf im Nacken. Die Augen und der Mund weit offen. Das Gesicht auf das Leuchten des Lichts in der Luft über dem Alpstein gerichtet.

 

Der Datschnik

Viktor hat zwei Töchter und zwei Datschas. Die eine ist - wie man auf Russisch sagt - normalnaja. Ich meine die eine Datscha. Die andere ist wild. Nun meine ich die zweite Datscha und auch ein wenig die zweite Tochter. Die zweite Tochter ist meine Frau. Die zweite Datscha liegt in Schpakow. Schpakow war bis vor 20 Jahren eine blühende Kolchose, Weizen von Horizont zu Horizont. Heute verwildertes Land, blühende Natur von Horizont zu Horizont. Und mitten drin die wilde Datscha von Viktor. Wodka gibt es in Schpakow aus grossen Tassen und zum Wodka Hering, Zwiebeln und Salzgurken, Sala, Schaschlik und Poeme, Toasts und Anekdoten. Und dann, entfernt von allem, die Nächte schwarz und still und ausgesternt wie nie. Doch bald, schon mit dem ersten Hauch von Licht am Horizont, erwacht das grosse Zwitschern und Zirpen. Das wiegen der Birken im Wind beginnt und das Fallen der wilden Kirschen. Oben ziehen Störche frühe Schlaufen und unten öffnet sich eine Unzahl Blumen den schwirrenden Bienen wie zum ersten Mal.

 

Der Sprachmaler

Er malt immer nachts. Die wirklichen Farben seiner Bilder, sieht er erst im Morgenlicht. Danach geht er in die Laudes. Er ist schön und streng. Letzteres ist in den Gesichtern der Zöglinge zu erkennen. Ersteres in den Gesichtern der Mütter, die ihre Söhne am Sonntag besuchen. Bei der Aufführung der Passion verwandelt sich seine Stimme in jene von Jesus. Er unterrichtet Deutsch als Sprache und Sprache als Kunst. Jeder Schüler hat ein Skizzenheft. Statt sie im Schulzimmer sitzen zu lassen, entlässt er sie nach draussen. Was immer sie dort wahrnehmen, sollen sie in Sprache übersetzt ins Heft skizzieren. Am 14. Oktober 1975 malt er einem selber eine Skizze ins Heft: Nun haben die Bäume ihr Gischtfest, sprühen Schnee von gelber Blattlast. Ich spüre das Nass im Gewand. Vorwinterlich reinigt es Augen zu blauen Sonnenzeichen.

 

Die Strafküsserin

Sie arbeitet als weitherum anerkannte Liebeskünstlerin mit eigenem Studio, zentral gelegen, an der Wand ein Schiele. Im Dauerstreit mit ihrem Gianni spendet einer ihr öfters gut und gerne Trost. So auch an jenem Abend, als sie zusammen durch die Stadt flanieren. Sie lotst ihn – wie sich im Nachhinein herausstellt – zielstrebig vor Gianni’s Stammlokal. Perfekt in Szene gesetzt, stehen sie direkt vor dem grossen Fenster, vom Licht der Strassenlaternen gut beleuchtet und präzis im Blickfeld von Gianni und – weit wichtiger – unter Beobachtung von all seinen Amici. Dort umfasst sie mit allergrösster Selbstverständlichkeit seinen Kopf mit ihren Händen, schmiegt langsam Wange an Wange, reibt ihre Nase ganz fein an seiner, zeichnet mit der feuchten Spitze ihrer Zunge zärtlich die Linie seiner Lippen nach und presst ihren Mund dann fest an seinen.

 

Der Lebensbewerter

Jedes menschliche Leben ist gleich viel wert. Dieser Satz, meint einer, ist schön und gut - aber nicht wahr. Er ist nützlich, weil er als Denkgrenze das Zusammenleben von Menschen kittet. Und er funktioniert, weil der Entscheid, welches von zwei Leben mehr Wert hat, unter menschenfreundlichen Umständen nicht allzu oft getroffen werden muss. Dieser Satz ist schön und gut - aber falsch. Das Leben seiner Tochter, die in der Zeitung erst die Bilder lesen kann, ist, meint einer, unendlich viel mehr wert, als das Leben jenes Mannes, über den die Zeitung schreibt, er habe am 22. Juli 2011 auf der idyllischen Insel Utøya 69 junge Menschen getötet und sei bis heute stolz darauf. Jedes dieser 69 Leben ist unendlich viel mehr wert, als das Leben dieses Mannes. Und dass er noch lebt, ist eine schreiende Ungerechtigkeit!

 

Der Reissnagel

Auf einem Stuhl liegt ein Reissnagel. Kommt ein Russe, setzt sich drauf, springt sogleich wieder auf, reisst sich den Nagel aus dem Hintern und schmeisst ihn furchtbar fluchend in eine Ecke. Kommt ein Ukrainer, setzt sich ruhig hin, steht verwundert wieder auf, zieht den Reissnagel sorgfältig aus seinem Hintern, steckt ihn sich akkurat in die Brusttasche und meint, den kann ich sicher irgendwann irgendwie brauchen. Kommt ein Weissrusse, setzt sich schwerfällig, spürt den Reissnagel, denkt, das muss wohl so sein, und bleibt schicksalsergeben sitzen. Kommt ein Schweizer, setzt sich normal auf den Stuhl, steht kaum bemerkbar irritiert wieder auf, schaut diskret nach links und rechts, sitzt dann auf einen anderen Stuhl und denkt, hoffentlich hät das niemert gseh.

 

Die Fahrenden

Früh am Morgen fahren viele auf klapprigen Velos durch die Plattenbausiedlungen von Miskolc und durchwühlen die Abfallcontainer auf der Suche nach Verwertbarem. Am Nachmittag kehren sie mit den Fundstücken zurück in ihre erbärmlichen Siedlungen. Unterwegs machen drei von ihnen in einem Gasthaus halt. Kurz darauf parkiert neben den klapprigen Velos ein Jaguar in klassischem British Racing Green. Die Eigentümerin stammt ursprünglich aus Miskolc. Ihr Begleiter aus Lanzenneunforn. Weil die beiden glücklich sind, spendieren sie im Gasthaus eine Runde Vilmos Körte. Der Wirt schenkt allen ein - ausser den drei Roma. Erst nachdem die Spendenden sehr deutlich machen, dass mit alle alle gemeint sind, bekommen auch die drei ihr Gläschen. Einer steht auf, erhebt sein Glas und ruft: Ist es ejne sehrrr schejne Geste von Ihnen. Egészségére! Leert das Glas, lacht und in seinem Lachen glänzen drei goldene Zähne.

 

Der Narr

Manchmal überschneiden sich die Leben der beiden Menschen, die am allerweitesten auseinander sind. So wie sich das Leben von Mandelstam auf furchtbarste Weise mit jenem von Stalin überschnitt, überschnitt sich das Leben des seligen Wassilij - oder vielmehr sein Tod - auf wunderbare Weise mit jenem von Iwan dem Schrecklichen. Als Zeichen seines Triumphs über die Tataren lässt sich dieser am Roten Platz die prächtigste Kathedrale errichten. Zu der Zeit stirbt Wassilij, der erbärmlichste Narr in Christo. Weil die Menschen ihn lieben, begraben sie ihn neben der neuen Kathedrale. Und weil immer mehr Pilger statt zu Iwans Prunkbau zu Wassilijs Grab ziehen, wird das Zeichen der Macht schliesslich von der Ohnmacht vereinnahmt. Heute singen in der Kirche mit der Narrenkappe drei Mönche mit einer Stimme. Durch sie klingt Gott. Und beim Hinausgehen offeriert uns ein geschminkter Mönch die CD in DDD zum halben Preis. Wassilij, Narr in Christo, bitt für uns!

 

Die Neugeborene

Der Mutter auf Empfehlung der Gynäkologin und trotz dem Abraten der Hebamme per Kaiserschnitt entnommen wird die Neugeborene sogleich auf Vaters haarig warmen Bauch gelegt. Die Nabelschnur bis auf einen winzigen Rest abgetrennt. Die Haut greisenhaft runzlig, bläulich gerötet und weisslich verschmiert. Von der Hebamme ausdrücklich dazu aufgefordert redet der Vater ununterbrochen auf die Neugeborene ein. Berichtet mit ruhiger, nur hin und wieder ein klein wenig zittriger Stimme von all den Liebenswürdigkeiten dieser Welt. Ihr tierartig fremdes Körperchen schiebt sich währenddessen mit ganz langsamen, klitzekleinen, nur manchmal kurz unterbrochenen Bewegungen Bauch an Bauch an ihm hinauf. Und dann saugt ihr rosiges Mündchen seine linke, haarig umwachsene Brustwarze mit erstaunlicher Kraft in sich hinein.

 

D Chliikriminalischtin

Wer liit tot uf de Schtross? S Schtärbsli. A was isch es gschtorbe? Amene Chugelhopf. Wer hät s ermordert? S Mordonblö. Mit wellere Waffe? Mit emene Schussgipfel. Wo isch s passiert? Am Mordpol. Wer hät überläbt? De Läbchueche. Wer isch gflüchtet? De Fluchsalat. Und mit wem? Mit em Wanderinli. Wer hät das alls beobachtet? De Schpionat. Wer hät wieder mol gar nüt geseh? De Polizeilachmaischter. Und wer hät für alli bätet? S Frommbeeri. So tönt de kulinarische Lieblingskrimi, wo mini Chliikriminalischtin zämä mit irne Komplizine erfunde hät und Tag für Tag witerspinnt.

 

Der Schutzbrillenträger

Sein rechtes Auge hat enormen Weitblick, während sein linkes extrem fokussiert. Wenn sein rechtes Auge nachts in den in den Himmel schaut, sieht er nicht den Sternenhimmel. Er sieht, dass das Universum aus Milliarden von Galaxien besteht und dass laufend ganze Galaxien entstehen und vergehen. Und er sieht ein, dass es völlig belanglos ist, ob unsere Erde weiter dreht oder vergeht. Wenn hingegen das linke Auge zuschaut, wie seine einzige über alles geliebte Tochter Velofahren lernt, dann beunruhigt ihn jedes noch so kleine Hindernis und jedes sich nähernde Fahrzeug ist Grund grösster Sorge. Und er sieht ein, dass in diesem Universum nichts aber auch wirklich gar nichts wichtiger ist, als die Unversehrtheit dieses einen Kindes. Weil die Gleichzeitigkeit dieser beiden exklusiven Betrachtungsweisen das Bestehen im realen Leben verunmöglicht, hat er sich eine Schutzbrille aufgesetzt. Er ist nun vorwiegend auf sein näheres Umfeld fokussiert und verzichtet soweit möglich auf Weitblick.

 

Der Tote

Die beste Sicht hat man an klaren Tagen wie heute, aber nur vom frühen Morgen bis in den späten Vormittag hinein. Im Rücken der Rosenberg. Darunter die Stadt im Nebel versunken. Zur Linken die Notkersegg. Gegen Süden die gleitenden Hügelzüge. Und aus diesen schroff herauswachsend wie eine Insel aus einem grünen Meer: der Alpstein. Kein Mensch. Nur dort ein alter Mann. Regungslos. Wer weiss seit wann? Auf einer Bank entspannt zurückgelehnt. In grösster Ruhe. Nur die Uhr an seinem Handgelenk zählt noch immer jede Sekunde. Das Wasser im Schritt. Den Kopf im Nacken. Die Augen und der Mund weit offen. Das Gesicht auf das Leuchten des Lichts in der Luft über den Bergen gerichtet. Ein für immer überglücklicher Mensch. Ganz Teil von allem.

 

Der Dösende

Weil die Kälte in der Szene unerträglich ist, wird in Fässern Holz verbrannt. Mit Rohypnol im Blut legt sich einer neben ein Fass und döst weg. Als es nach verbranntem Fleisch riecht, zieht ihn einer vom Fass weg. In der Notfallabteilung werden am Bein Verbrennungen 3. Grades diagnostiziert. Aus dem Spital entlassen geht er durch den am Bahnhof wartenden Intercity. Den Fahrgästen erzählt er, dass er endlichen einen Platz in einer therapeutischen  Wohngemeinschaft gefunden habe, und  erbettelt Geld für das Billett. Ohne Billett würde ihn der Kondukteur aus dem Zug weisen, wäre er nicht rechtzeitig in der Wohngemeinschaft  und hätte damit den für ihn reservierten Therapieplatz verloren. Einige sind grosszügig. Kurz bevor der Zug abfährt steigt er aus, geht in die Szene und kauft sich Heroin. Weil alle anderen Venen verhärtet sind, spritzt er es sich in den Penis.

 

Der Wächter

Am Anfang ist er ein Pfeil: auf möglichster kurzer Linie unterwegs von einem Zeitpunkt zu einem anderen. Dazwischen liegen 2 Stunden und minus 23 Grad. Weit oberhalb des allerhöchsten Dorfes der Alpen bewacht einer Mitten in der Nacht ein Munitionsdepot. Das Knarren seiner schweren Schuhe im Schnee, das fliessende Ein und Aus seines Atems und manchmal das vibrierende Summen seiner Stimme. Sonst kein Geräusch. Unten im Dorf ein paar wenige Lichter. Oben eine Unzahl glitzernder Sterne wie ferne Eiskristalle. Damit er nicht zu einem Zeiger wird, der sich mit quälender Langsamkeit immer träger im Kreis bewegt, verzichtet er auf eine Uhr. So verliert er sich mit der Zeit in der alles zum Erstarren bringenden Kälte, in der durch die Adern pulsierenden Wärme, in den im Dunkeln vereinzelt leuchtenden Lichtern, in einem betörenden Schluck Kirsch, im summenden Vibrieren, in rotierendem Sinnieren, im an den Barthaaren kristallisierenden Atem, in der entrückten Weite und Stille des ausgesternten Himmels.

 

Der Preisträger

Sonntagmorgen. Das Telefon klingelt. Er ignoriert klingelnde Telefone meistens. Aber sein gwundriges Töchterchen will wissen, wer anruft. Und vielleicht möchte ihm ja jemand zum Geburtstag gratulieren. Tatsächlich: Eine Frau Fuchs - ? - gratuliert ihm zum Geburtstag - ? - und: zum diesjährigen Heinz Weder Preis für Lyrik - ! - was für ein Geschenk! Die Preisverleihung findet ein paar Sonntage später statt: Bei seiner Lesung singt er eines seiner Kindergedichte, das eigentlich ein Schlaflied ist. Und sein Töchterchen auf den Knien der Mamatschka im Publikum, das mit diesem Lied an vielen Abenden in den Schlaf gesungen wurde, singt mit fast unhörbar feinem Stimmchen mit. Was für ein wunderbar inniger Moment! Und weil die Preisverleihung in einer ehemaligen Kirche stattfindet, gibt es eine Empore. Dort hat sich ein bei dieser Gelegenheit wiedergefundener Freund versteckt und - zum Glück ohne Rücksprache mit irgendwem - alles gefilmt. 

 

Die Schicksalsgöttin

Um sich bei gesellschaftlichen Anlässen aller Art die Langeweile zu vertreiben, sucht sich eine jeweils zielstrebig zwei Personen aus: Eine, bei der sie sich gut und gerne vorstellen kann, mit ihr Sex zu haben. Und eine, bei der es für sie durchaus denkbar wäre, diese zu töten. Zumeist wird sie rasch fündig. Dann malt sie sich mit grösster Liebe zum Detail aus, wie sie den Sex und den Mord dieses Mal inszenieren würde. Den direkten Kontakt mit den beiden Zielpersonen vermeidet sie dabei tunlichst. Denn dieser erstickt erfahrungsgemäss sowohl das erotische als auch das mörderische Verlangen. Manchmal führt ein persönliches Gespräch allerdings auch dazu, dass der sexuelle oder der tödliche Drang tatsächlich ausgelebt werden will. Dem zu widerstehen, ist nicht einfach. Am schwierigsten ist es, wenn beide Impulse - was selten vorkommt, darum aber umso intensiver ist - von ein und derselben Person ausgehen. Aber meistens gelingt ihr auch dann ein Ende im Konjunktiv.

 

Der Störefried

Wer ihn kennt weiss von seinem Talent, sich schon wegen Belanglosem enorm zu echauffieren – ganz zu schweigen von ernsthaften Widrigkeiten. Jeder in der Firma kennt die Geschichte, wie er einmal mitten in einem fernmündlichen Streitgespräch das überhitzte Telefon aus dem Fenster seines Büros im fünften Stock wirft und dieses dann auf dem Dach eines Autos zerschellt, das auf einem für Kundschaft reservierten Parkplatz steht. Oder wie er ein anderes Mal ins Sitzungszimmer stürzt, mitten in ein äusserst diskretes Traktandum der Geschäftsleitung platzt und mit ausserordentlich voluminöser Stimme mitteilt, dass irgendwo irgendwelche Flugzeuge mit irgendwelchen Hochhäusern kollidieren. Man fordert ihn unmissverständlich auf, den Raum umgehend zu verlassen und sich medikamentös zu beruhigen. Dann wird die Sitzung fortgeführt, aber schliesslich – es ist der 11. September – doch noch vorzeitig abgebrochen.

 

Die Fremdenführerin

Die resolute Fremdenführerin im Kiewer Höhlenkloster. Vor dem Betreten der Uspenski-Kathedrale  stellt sie mit Nachdruck klar, dass nach jahrhundertealter, bis zum heutigen Tag unverbrüchlicher Regel keine, aber auch wirklich gar keine Person weiblichen Geschlechts befugt ist, diesen sakralen Raum zu betreten, wenn deren Haare nicht ganz und gar unter einem Tuch verborgen sind. Wer ohne derartige oder vergleichbare Kopfbedeckung ist, hat draussen zu warten. Das gilt auch für das Mädchen dort. Alle Personen weiblichen Geschlechts fügen sich diesem Gesetz. Mit grossem Bedauern müssen einzelne draussen bleiben. Auch das Mädchen. Ohne entsprechende Kopfbedeckung betritt die Kathedrale mit alles überragender Selbstverständlichkeit einzig die resolute Fremdenführerin.

 

Der Menschenfresser

Einer findet in seinen übermütigen Jahren an der Metzgergasse grad gegenüber der Macelleria d’Arte eine Bleibe. Die Vermieterin ist eine wunderbar gealterte Kaschubin, die von ihrem Leben erzählt, als wäre es das Leben einer anderen. Als er seinen Telefonanschluss anmeldet, soll er für den Eintrag im Telefonbuch seinen Beruf angeben. Da er von den multiplen Formen des Broterwerbens, die er praktiziert, keine ernsthaft als seinen Beruf bezeichnen möchte, schreibt er: A n t h r o p o p h a g e . Als ihm dann irgendwann ein Telefonbuch in die Hände kommt, steht hinter seinem Namen tatsächlich diese doch eher ungewöhnliche Berufsbezeichnung. Aber leider bekommt er nur ein einziges Mal einen Anruf von einer allerdings leicht verwirrten Frau, die seine angeblichen beruflichen Fertigkeiten mit endgültiger Hingabe nutzen möchte. 

 

Der Blamierte

Es klopft. Der Schulsekretär betritt das Klassenzimmer und fordert einen auf mitzukommen. Im Sekretariat warten zivile Fahnder und nehmen ihn auf den Posten mit. Es geht um Sprayereien auf dem überdimensionierten Schullogo: Der Erzengel Michael drangsaliert den Teufel und wird mit der Sprechblase Non cher monsieur le Recteur!  umgedeutete zum Rektor, der die Schüler drangsaliert. Wenn er gesteht, wird schulintern sanktioniert. Wenn nicht, wird Anzeige erstattet. Er gesteht. Vor der Disziplinkommission verlangt der Rektor den sofortigen Schulausschluss. Sein Klassenlehrer - zur Belohnung wird er später Bundesrat - ergreift für ihn Partei. Am Anschlagsbrett informiert dann der Rektor unter dem Titel Blâme, wer was gemacht hat und wie er bestraft wird: Übernahme der Reinigungskosten und drei Tage Sozialdienst. Der Sozialdienst macht Spass und der vor dem umgedeuteten Schullogo bei Lehrern und Schülern gesammelte Solidaritätsbeitrag übersteigt die Reinigungskosten um ein Mehrfaches. Genug Geld für eine opulente Fete.   

 

Der Witwer

Gefahrenstufe fünf. Wenigstens der Aufstieg zur Hütte war unbedenklich. Nun sitzt man beim Abendessen und rätselt, welche Touren morgen gewagt werden können. Da lässt eine wuchtige Druckwelle die Wände zittern und die Fenster klirren. Man schreit, springt auf. Stühle stürzen um. Dann der beruhigende Ruf "Das Haus brennt!". Ein Brand ist weniger bedrohlich, als eine Lawine. Durch die Fugen zwischen den Deckenbalken ist Feuer sichtbar. Der Hüttenwart kämpft sich im stark verrauchten Treppenhaus nach oben. Doch sein Versuch, die Flammen mit dem dünnen Strahl eines Küchenschlauchs zurückzudrängen, ist aussichtslos. Einer reisst ihn mit Gewalt zurück. Will ihm das Leben retten. Er aber wehrt sich verzweifelt. Will aus der Wohnung oben die Erinnerungen an seine Frau retten. Was für ein unsäglicher Kampf! Später ein Rettungshelikopter. Notoperation. Der Hüttenwart überlebt vernarbt. Die Erinnerungen sind verbrannt.

 

Der Konservierte

Bei 56 Grad nördlicher Breite und 38 Grad östlicher Länge, 141 Meter über Meer, 20 Jahre nach dem Gleichgewicht des Schreckens und mitten im kalten Frieden treffen sich Boris und Bob am submarinen Kongress, im Hotel Izmailovskaya in unmittelbarer Nähe der Metrostation Partizanskaya und verbrüdern sich bei einem Carlsberg. Am Abend dann im Hyatt: Geschlossene Gesellschaft. Herrlicher Blick auf den Kreml und die Kirche mit der Narrenkappe. Vor dieser gewaltigen Kulisse wird jedes Leiden an der Temperatur des Veuve Clicquot zum Kommentar unseres Korrespondenten. Im Lift dann die Paparazzi: Unten verhökern sie Antiquitäten. Was denn für Antiquitäten? Alles Mögliche. Zum Beispiel Lenin. Aber er wurde noch nicht gekauft. Lenin! Welcher Lenin? Der Konservierte aus dem Mausoleum? Ach – wir haben viele Leichname hier! Wassilij, Narr in Christo, bitt für uns!

 

Der Schlichter

Der heisseste Tag des Jahres! Kläger und Beklagter grüssen sich grusslos. Der Richter eröffnet die Verhandlung, stellt beidseitig Fragen, hört sich die Ausführungen der Anwälte an und konstatiert schliesslich, dass der hier zu beurteilendende Fall von beiden Seiten ebenso plausibel wie gegensätzlich dargestellt wird. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wird das Urteil vertagt, Zeugen werden vorgeladen und - weil es für die wesentlichen Begebenheiten keine Zeugen gibt - zu den unwesentlichen Begebenheiten befragt. Und trotz grossem Aufwand wird sich so nicht klären, wer Recht hat. Oder sie einigen sich auf einen Vergleich, bei dem am Schluss beide, wenn nicht als Sieger so doch zumindest nicht als Verlierer dastehen. Die Parteien ziehen sich zurück. Der Gerichtsdiener bringt eine erste Version der Vereinbarung. Es wird noch symbolisch gefeilscht. Dann steht der Vergleich. Beim Hinausgehen geben sich der Beklagte und der Kläger die verschwitzte Hand. Zum ersten und letzten Mal. 

 

Der Prediger

Und es ward ihnen gegeben, dass man sie nicht tötete, sondern sie quälte fünf Monate lang. Und ihre Qual war wie die Qual des Skorpions, wenn er einen Menschen schlägt. Bellevue. Tramhaltestelle. Zwischen den beiden Geleisen wandelt einer hin und her, wendet sich abwechselnd an die Wartenden auf den beiden gegenüberliegenden Quais. Einige sind amüsiert, andere entsetzt, die meisten dem Anschein nach unberührt. So einer einen ungehorsamen Sohn hat, so sollen ihn steinigen alle Leute dieser Stadt, dass er sterbe. Wenn ein Tram einfährt weicht er voll Gottvertrauen erst im allerletzten Moment zur Seite. Einzelne versuchen, ihn weg von den Geleisen und zum Schweigen zu bringen. Vergeblich. Einem orthodoxen Juden droht er mit der Faust  und verflucht ihn als Christusmörder. Ein Passant schreit, Jesus sei selber Jude gewesen. Du irrst, Jesus ist Gottes Sohn, entgegnet der Prediger erhaben. Er, der Herr, dein Gott, wird diese Mörder ausrotten, einzeln nacheinander.

 

Die Erkenntliche

Eine meint, sich selbst in zumindest einer dieser hier gesammelten Konserven in aller Deutlichkeit erkennen zu müssen. Und das über sie Geschriebene sei in höchstem Masse kompromittierend. Konkret geht es um folgende Passage: Endlich schlingt ihm eine mit allergrösster Selbstverständlichkeit die Arme um den Hals, schmiegt innig Wange an Wange, reibt die Nase ganz fein an seiner, zeichnet mit der feuchten Spitze des Züngleins zärtlich die Linie seiner Lippen nach, steckt ihm dann endlich die Zunge in den Mund und fasst ihm schliesslich mit beglückender Hand in den Schritt. Falls auch Sie sich irgendwo in dem hier Geschriebenen bis zur Kenntlichkeit dargestellt finden, wenden Sie sich bitte an folgende Adresse: mail@rainerfrei.ch. Gerne zeigen auch wir uns erkenntlich und werden die entsprechende Passage selbstverständlich unverzüglich so belassen, wie sie ist.

 

Der Lacher

Seine akademische Laufbahn gipfelt in unüberhörsaalfüllendem Gelächter. Als er sich dann kurz nach der Orangen Revolution in östlicher Himmelsrichtung verliebt, finden die höchsten Freudentage der orthodoxen und der sozialistischen Kirche am gleichen Tag statt. Mitten in der Nacht pilgern die noch von der Parade müden Gläubigen tapfer mit Kerzen und Körbchen voll Kuchen und Eiern zum Kiewer Kloster. Hinter verschlossenem Tor feiern die Mönche mit ihren Litaneien die Auferstehung Christi. Nach langem Warten dann vielhändiger Klingklang vom Glockenturm. Die aus der Kirche strömenden Mönche jubeln jedem Wartenden ein hörbar angeheitertes Christus ist auferstanden! zu. Diese quittieren es mit einem schlummerfrohen In Wahrheit ist er auferstanden! Und später zu dritt in Zwinglis Zürich beglückt der Liebfrauenpfarrer die Gläubigen über den traurigen Knochen von Felix und Regula alljährlich mit schallendem Osterlachen. 

 

Die Leuchtende

Da die Zweigstelle in der Romandie liegt, begrüsst er die neue Mitarbeiterin auf Französisch. Sie antwortet ihm in einem fröhlichen Berndeutsch mit leichtem Oberländer Einschlag. Als er ihr seine Hand reicht, hält sie die ihre graziös über das Herz und verbeugt sich vor ihm mit einem Lächeln. Sie arbeitet viel und gut. Bald ist sie eine der Besten. Einmal erreicht ihn eine Beschwerde: Jemand meint, sich darüber empören zu müssen, dass sie bei ihrer beruflichen Tätigkeit ein Kopftuch trägt und er als Arbeitgeber dies akzeptiert. Ihm gelingt eine vernichtende Antwort. Damit ist die Sache vom Tisch. Ein paar Jahre später bekommt sie ein attraktives Angebot, von einer internationalen Organisation. An ihrem letzten Arbeitstag reicht sie ihm zum Abschied mit leuchtenden Augen die Hand.

 

Der Berührte

Hebe deine Augen auf zu den Bergen, von welchen dir Hilfe kommt. Ein paar Stiftsschüler singen für einen Sterbenden. Regungslos liegt er in seiner Mönchszelle am Engelberg. Seit Monaten bettlägerig. Der Mund halb offen. Die Augen fast geschlossen. Die Haut wächsern. Bläulich durchschimmernde Adern. Der Speichel im Mundwinkel. Die Haare in der Nase. Ein paar Bartstoppeln. Die über die Wangen rinnenden Tränen. Ein Rosenkranz in den Händen. Ein Wasserglas auf dem Nachttisch. Die gestärkten Leintücher. Er wird deinen Fuss nicht gleiten lassen. Das Brennen der Kerze. Der sonderbare Geruch. Die Haut fast durchsichtig. Der dich behütet, schläft nicht. Der von ihm selber vor Jahren komponierte Choral. Und die über die Wangen rinnenden Tränen.

 

Der Verschluckte

Einer geht hinter dem anderen. Zwischen den beiden das Seil. Zu hören ist nur das Knirschen der Schritte und der eigene Atem. Der Morgenhimmel hellt allmählich auf. Die Schneebrücke, die den Vorderen noch getragen hat, bricht unter dem Hinteren ein. Er stürzt ins Bodenlose und dann hart ins Seil. Der Pickel schlittert ein paar lange Sekunden in die Tiefe. Sind das hundert Meter? Das Seil hat sich oben am Spaltenrand in die Eiskante eingeschnitten. Alle paar Augenblicke gibt es ein wenig nach. Er fällt wieder einen Sekundenbruchteil lang und hängt dann ein wenig tiefer. Und jedes Mal wird der Spalt ein wenig enger und das Stück Morgenhimmel darüber ein wenig schmaler. Zu hören ist nur der eigene Atem. Dann ruft der oben ein für den unten kaum mehr zu hörendes: Was soll ich tun?

 

Der Soldat

An Weihnachten 1979 schickt die Sowjetunion Truppen nach Afghanistan gegen die Mujahedin. Unter ihnen auch Juri, ein 19-jähriger Soldat aus dem Ural. Nach ein paar Wochen im Gebirge will Juri auf eigene Faust Kabul erkunden. Und prompt wird er von Rebellentruppen verschleppt. Die Mujahedin sind nicht zimperlich: Wer nicht zum Islam konvertiert, wird erschossen. Aber Juri hat Glück! Nach komplizierten Verhandlungen des IKRK mit der Sowjetunion kommt er frei und wird im Mai 1982 in die Schweiz ausgeflogen. Dort wird er aufgenommen und in einer Militär-Baracke im Gebirge untergebracht. Regelmässig erhält er Besuch vom IKRK. Dabei wird kontrolliert, ob die Haftbedingungen der Soldaten korrekt sind. Dazu gehört auch ein stündiger Spaziergang. Einer darf Juri dabei täglich mit geladenem Gewehr begleiten. Und da wir uns mit Worten nicht verständigen können, teilen wir uns jeweils ein Gläschen Schnaps. На здоровье!

 

Der Ministrantin

Zu den Aufgaben eines Klosterschülers an der Stiftsschule Engelberg gehört neben dem Lernen, Sporttreiben - namentlich das hals- oder zumindest beinbrecherische Pistenrasen - vor allem auch das Verzichten auf alles Weibliche. Wenigstens gibt es bei Schmerzen physischer oder vor allem auch psychischer Art einen wundervollen Mutterersatz: Schwester Stella, die tatsächlich wie ein Stern über uns schwebt und sowohl Kranken- als auch Ordensschwester ist. Und machmal auch wie eine grosse Schwester für den kleinen Bruder. Weil alles Weibliche im Kloster so selten ist, steigt dessen Wert bis in den Himmel. Aber manchmal gibt es auch Missverständnisse: In den 70er Jahre werden die Haare der Jungs und der Männer aus unerfindlichen Gründen lang und länger. Und als ein Schüler - einer mit langen dunkelblonden Haaren - in der Stiftskirche ministriert, geht ein Raunen durch die Bänke. Beim anschliessenden Frühschoppen zeigt man sich verwundert, wenn nicht gar empört, dass nun auch Mädchen ministrieren dürfen. 

 

Die Schmerzgrenze

Bei einem ist der weiche, gelartige Kern aus dem Faserring einer seiner Bandscheiben ausgetreten. Ob dies nun ein magischer Hexenschuss oder ein medizinischer Bandscheibenvorfall ist, entzieht sich seiner Kenntnis. Und er will es auch nicht wissen. Er merkt nur wie höllisch weh das tut. Weil salben und massieren nichts nützt, geht er - in der Hoffnung dort von unerträglichen Schmerzen erlöst zu werden - zum Physiotherapeuten. Dieser – ein kräftiger, etwas brutal wirkender Mann – nimmt sich seiner an. Er erklärt ihm, dass er die Sehnen am Bein dehnen wird und teilt ihm auch mit, dass er dabei bis an die Schmerzgrenze gehen muss. Er solle aber sagen, wenn er diese Schmerzen nicht mehr aushalten könne. Dann werde er nur noch eine Minute weiter dehnen.

 

Der Komplimentator

Echte Männer oder solche, die es werden wollen, sind zurückhaltend mit Komplimenten. Insbesondere, wenn sich diese nicht an eine Frau richten, sondern von Mann zu Mann adressiert sind. Dann kann rasch der Eindruck entstehen, dass hier Anbiederung, wenn nicht gar Ironie im Spiel ist. Bergbauern haben nicht den Ruf, viel zu sprechen. Und schon gar nicht, spendabel Komplimente zu verteilen. Klartext in aller Kürze ist die Würze ihrer Kommunikation. Und wenn sich diese Kommunikation in Form eines Komplimentes an einen Soldaten richtet, der in seinem zivilen Leben ein Student ist, dann sagt der uniformierte Bergbauer den für den Studenten lebenslang unvergesslichen wundervollen Satz: "Für das, dass du en Schtudent bisch, bisch en geile Siech!"

 

Die Einzubürgernde

Manchmal ist das Leben wie in einem Film. Z. B. wie in jenem der zeigt, wie Schweizer gemacht werden. Oder auch nicht. Jedenfalls hat einer mit einem Schweizerpass eine Frau geheiratet, die einen ukrainsche Pass hat. Und weil die Lavra in Kiev ein wundervolles Heiligtum ist, haben die beiden dort geheiratet. Als die Frau nach mehrjährigem Zusammenleben in der Schweiz ein Gesuch um Einbürgerung stellt, bekommt sie überraschenden Besuch: Um präzis 18h - dann, wenn eine Schweizerfamilie Znacht isst - klingelt es an der Tür. Vor Tür steht ein riesiger Polizist, der prüfen soll, ob die beiden eine Scheinehe führen. Schnell wird klar, dass die Ehe echt ist. Und weil in der Ukraine Gastfreundschaft keine Grenzen kennt, wird der Polizist zu Tisch gebeten und herzhaft verköstigt.

 

Die Tatarin

Heute ist sie leider von den Russen annektiert. Aber zuvor beherrschten sie die Tartaren. Und noch viel früher wurde der Kiewer Rus gegründet. Als einer mit einer Ukrainerin ein paar betörende Wochen auf der Krim verbringt, lernt er auch die physischen Qualitäten der Tatarinnen im Direktkontakt kennen: Kulinarisch nicht mit dem berühmten Beefsteak Tatar, das die Tataren angeblich roh unter dem Sattel gar ritten und mit Pferdeschweiss würzten. Sondern mit scharfem Schaschlik. Direkt am Strand bieten die Tatarinnen Massagen an. Und weil sich bei einem das Geniesserische nicht im Kulinarischen erschöpft, lässt er sich dort wo die Wellen im Sand versickern von einer Tatarin massieren. Zuerst wird er umfassend eingeölt. Dann kräftig durchgeknetet. Und am Schluss legt sie sich auf ihn und massiert ihm mit gekonntem Ganzkörpereinsatz seine Rückseite.

 

S Muneli

Tante Vreni und Onkel Sepp haben einen grossen Bauernhof, eine noch grössere Verwandschaft, vor allem aber zwei unendlich grosse Herzen. Jedes Jahr in den Sommerferien ist ihre weitreichende Verwandschaft froh, wenn sie den Nachwuchs bei ihnen plazieren können. Selbstverständlich aus pädagogischen Gründen. Aber offengestanden auch ein wenig, um ihre rar gewordene Zweisamkeit auf sozialer und erotischer Ebene endlich wieder in allen Facetten auskosten zu können. Während ihr Nachwuchs mit sehr gemischen Gefühlen die Geburt eines Muneli erlebt. Als sich die Kinder ein Jahr später wieder einfinden und mit einem währschaften Mittagessen empfangen werden fragt Vreni, ob ihnen der Braten schmeckt. Und als alle geniesserisch nicken, teilt ihnen Sepp mit, dass sie gerade das Muneli, das sie vor einem Jahr gestreichelt und gefüttert haben, verspeisen.

 

Non cher Monsieur le Recteur!

Im Mai 1980 genehmigt der Zürcher Stadtrat 60 Millionen Franken für die Renovation des Opernhauses. Gleichzeitig lehnt er die Forderung nach einem autonomen Jugendzentrum ab. Der Konflikt eskaliert und mündet in eine Gewaltspirale zwischen Jugendlichen und Polizei. Die Bewegung ist aber auch kreativ: Eine Zeitschrift wird herausgegeben, die zuerst Eisbrecher dann Brecheisen heisst. Das inspiriert einen am Collège St-Michel in Fribourg die unbewilligt Schülerzeitung MINIMUM zu lancieren. Und die Empfangstafel der Schule, wo der Erzengel Michael den Teufel aufspiesst, wird von Rainer Spray so umgedeutet, dass der Rektor seinen Spiess in einen Schüler stösst. Bald wird er von der Poliziei aus der Schule geholt und dann einem schulinternen Disziplinarverfahren unterzogen. Dort verteidigt ihn ein späterer Bundesrat. Statt mit einem Schulausschluss endet die Geschichte mit zwei halbtätigen Sozialeinsätzen.

 

Der Lebenskünstler

Einer fragt sich schon in jungen Jahren, was für ihn Lebenskunst bedeutet. Er vermutet, dass diese darin besteht, sein ganz und gar eigenartiges Leben zu leben. Schon früh interessiert er sich für Musik. Und schon bald verliebt er sich im Tête Noir in Fribourg, wo regelmässig in einem kleinen Saal grosse Musik gespielt wird, in den Jazz. Dessen Herangehensweise an Musik betört ihn. Er lernt Saxophon und vor allem Improvisation. Und bevor er nach ein paar Jahren erstmals auf die Bühne geht, gibt ihm ein erporbter Jazzer den Rat: Du hast viel geübt und mit guten Musikern gespielt. Und wenn du jetzt auf die Bühne gehst, kannst du alles vergessen, was du gelernt hast, und einfach nur spielen, was in diesem Moment aus deinem Herzen kommt. Lebenskunst besteht vermutlich schlicht darin, das zu tun und das zu leben, was einem aus dem Herzen kommt.

 

Die ganz grosse Klein

Die grosse Billie Holiday war keine virtuose Sängerin. Aber ihr berührender, betörender Gesang hat eine bis heute unerhörte und unübertroffene magische und auch erotische Emotionalität, die einen erschüttert und zugleich beglückt. Ähnliches gilt für ihre hiesige Nachfolgerin: Miriam Klein aus Basel, die zwei Jahrzehnte später mit den damaligen Sternen am Jazz-Himmel weltweit auf der Bühne steht. Einer hat das Glück die grosse Klein bei einem ihrer letzten Auftritte aus nächster Nähe zu erleben. Das Konzert ist gut aber nicht grandios. Sie wirkt etwas müde und entrückt. Das Publikum ist trotzdem begeistert und erklatscht sich eine Zugabe. Endlich kommt Miriam zurück auf die Bühne - in der Linken das Mikrofon, in der Rechten eine Flasche Whisky. Und sie singt so wundervoll berührend aber auch erschütternd, dass es einem das Herz zerreisst.

 

Das bundesrätliche Dreierlei

Einer hat drei Bundesräte aus nächster Nähe erlebt: Sein Vater war ein Parteifreund von Kurt Furgler, einem brillanten Politiker. Auf einer schwarzweisen Fotografie ist dokumentiert, wie er als Säugling von Furgler lächelnd im Arm getragen wird. Als Pubertierender versucht sich einer später am Collège St. Michel in Fribourg im Zuge der 80er-Jugendbewegung als Sprayer. Der Rektor will ihn darum im Alleingang aus der Schule werfen. Der spätere Bundesrat Joseph Deiss macht den Rektor darauf aufmerksam, dass dieser Entscheid von der Disziplinarkommission zu treffen ist. Dort wird er von Deiss verteidigt und schliesslich erfreulicherweise mit zwei Tagen Sozialeinsatz bestraft. Und auch Ignazio Cassis war ein inspirierender, diskussionsfreudiger und motivierender Präsident der Stiftung, deren Geschäftsführer einer ist. Leider wurde er in den Bundesrat abgeworben.

 

Der Tag der Frau

Einer findet die Stelle seines Lebens in der grössten Stadt eines kleinen Landes. Während die Arbeit zumindest an fünf Tagen strukurellen Halt gibt, stehen die Wochenende und Abende zur freien Verfügung. Neugierig erkundet er im ziellosen Alleingang die städtischen Verlockungen. Diese führen ihn in ein schmuckes Lokal namens Old Fashion Bar in der Altstadt. Er kommt mit der Barkeeperin ins Gespräch. Diese empfhiehlt ihm, am nächsten Abend wieder zu kommen, weil es der 8. März ist und im östlichen Europa dann nicht protestiert, sondern gefeiert wird. Als er dann am nächsten Abend wieder an die Theke geht, stehen vor ihm zwei Frauen, die mit slavischem Akzent zwei Gläser Sekt bestellen wollen. Er unterbricht die beiden charmant und bestellt eine Flasche Champagner mit drei Gläsern. Die Nacht wird lang und innig und einer ist seither und bis heute mit einer der beiden glücklichst verheiratet.

 

Der Unorthodoxe

Einer verliebt sich ostwärts. Und aus der Liebe entsteht ein Kind. Und die Liebe und die Geburt münden in eine Hochzeit und eine Taufe an einem überirdisch schönen Ort: dem Kiewer Höhlenkloster. Bei der Vorbesprechung macht der zuständige Priester klar, dass die Trauung vor der Taufe stattfinden muss. Da nur Kinder von orthodox verheirateten Eltern nach orthodoxem Ritus getauft werden können. Und noch ein grossartiges Detail: Im Gegensatz zu katholisch getrauten Paaren, die den Ring an der linken Hand tragen, tragen ihn die orthodox getrauten an der rechten Hand. Nun freut sich einer verschmitzt, der den Ehering gemäss orthodoxer Gepflogenheit an der rechten Hand trägt. Denn dies bedeutet für die Frauen im Westen, dass einer noch nicht definitiv vergeben ist und somit zum Glück die Chance auf ein unorthodoxes Abenteuer zumindest nicht völlig ausgeschlossen ist.

 

Magdolna

Einer lernt eine an einem Ort kennen, wo für Geld Erotik erhältlich ist. Aus dieser geschäftlichen Beziehung entsteht eine beidseitige Zuneigung. Und ihre Treffen erweitern sich über das Sinnliche hinaus ins Private. Sie heisst Magdolna, die ungarische Version von Magdalena. Sie hat zwei Kinder von drei verschieden Männern - einen süssen Jungen, der von einem begeistert ist, und ein pubertierendes Mädchen, das regelmässig betont, dass einer ihr nichts zu sagen hat, weil er nicht ihr Vater ist. Um Kinder und Haushalt kümmert sich eine junge ungarische Frau. Magdolna reist mit einem durch Ungarn. Sie besuchen das prächtige Budapest aber auch das ärmlich Miskolc, wo sie aufgewachsen ist. Weil sie beruflich mit erotomanischen Männern beschäftigt ist, ist sie privat auf krankhafte Weise eifersüchtig. Dies wiederum trübt das gemeinsame Glück je länger, je mehr und schreibt schliesslich vor das Glück die furchtbare Silbe Un-

 

Die beiden Engelberger

Zwei Naturburschen: Einerseits Sepp Hess, Sohn eines Bergbauern, aufgewachsen im Horbis, dem allerhintersten Tal von Engelberg, Er ist der fleissigste Schüler an der Stifsschule und wird später nichts geringeres als ein Mitglied des Regierungsrates des Kantons Obwalden und Dr. sc. ETH, sowie 2019/2020 und 2023/2024 Landammann. Andererseits Josef Henggeler, Sohn eines ebenso armen wie mutigen Engelberger Bergbauern, der nach Afrika, genauer nach Simbabwe, dem damaligen Rhodesien, ausgewandert ist. Damit sein Sohn eine solide Ausbildung erhält, schicken ihn seine Eltern dann von Simbabwe nach Engelberg an die Stiftungsschule. Dort ist einer von dieser simbabweschen – engelbergischen Mischung angetan. Besonders beeindruckt ihn, dass Josef an kühlen und sogar an verschneiten Tagen ganz afrikanisch barfuss herumspaziert.

 

Billie & Miles

Billie Holiday war keine gute Sängerin. Ihre Stimme war zerbrechlich und manchmal tonal unsicher, ihr gesangliches Vermögen begrenzt und ihre Rhythmik unpräzise. Miles Davis war kein guter Trompeter. Auch seine Virtuosität war eng begrenzt, die Intonation nicht wirklich überzeugend und seine Rhythmik im besten Fall eigenartig. Und trotzdem sind die beiden bis heute unübertroffen. Musik ist im schlechtesten Fall nur routiniertes und allenfalls virtuoses Handwerk. Im besten Fall ist sie Kunst, die aus dem Innersten der Muszierenden kommt und das Innerste der Zuhörenden berührt. Einer ist leider zu jung, um Billie live gehört zu haben. Aber er hatte das unvergessliche Glück, Miles auf der Bühne in Montreux aus nächster, betörender Nähe zu erleben.

 

Pour Nicole

Einer hat mit einer eine ozeanisch tiefe und wunderbar azurblaue, aber leider lediglich platonische Liebe. Dies bedeutet, dass die Höhepunkte in der Regel nicht im Bett stattfinden und nicht physischer, aber durchaus erotischer, wenn nicht gar metaphysischer Natur sind. Denn was die beiden verbindet, ist die Liebe zur Musik. Genauer gesagt zum Jazz. Und noch genauer zum Saxophon. Beide spielen in einer Big Band deren Name einer kreiert hat: Hit hard and hold back - Big Band. Was für das Publikum - in der Regel Sensler – etwas fremdländisch Stimulierendes hat. Und weil einer nicht nur ein Jazzer sondern auch ein Poet ist, widmet er seiner platonischen Liebe folgende, zumindest für ihn unvergesslichen Worte: Rundfüsserne Nymphe / aus deinem Heidenhaar / tropfen ferne Meere / an denen du dich stillst / mit unstillbarem Durst.

 

Der Scherzimprovisator

Es gibt Menschen, die reproduzieren Witze, die sie irgendwann irgendwo gehört oder gelesen haben, und bringen diese in ihrem humoraffinen Umfeld in Umlauf. Ganz ähnlich wie andere Kochrezepte, Reiseziele oder Erziehungstipps in Umlauf bringen. Dann gibt es solche, die ihr humoristisches Talent nutzen, um selber Witze zu kreieren und kontinuierlich weiter zu entwickeln. Am besten gelingt dies in einem humorbestückten oder gar humorverrückten sozialen Umfeld. Aber das aller explosivste Gelächter provoziert einer, der seine Scherze adhoc wie ein Jazzer intuitiv improvisiert. Dies gilt vermutlich auch für Kochrezepte, Reiseziele und Erziehungstipps.

 

Die Sekundenfreundschaft

Einer hat sich in jungen Jahren die Kunst des Flanierens angeeignet. Der dafür prädestinierte Ort ist Paris. Dort absolviert er angeblich die Sommerkurse an der École de Langue. Aber in Wirklichkeit nutzt er die Zeit, um tage- und vor allem nächtelang stadtplanlos durch das wuchernde Labyrinth zu schlendern. Das in Paris gelernte praktiziert er seither bei seinem Zürcher Schlendrian. Eher eremitisch veranlagt geniesst er die sich dabei zufällig ergebenden, zeitlich auf das Engste begrenzten Begegnungen: Hier eine unverbindliche Höflichkeit, dort ein Spritzer Humor, vielleicht ein aufmunterndes Nicken und allenfalls ein wenig Ironie. Kein Vorher, kein Nachher, nur das wunderbar winzige Momentum der Freundschaft ohne Zukunft.     

 

Kafka und seine Liebsten

Zum Glück starb Franz Kafka rechtzeitig an den Folgen der Tuberkolose. Denn wenn er diese überlebt hätte, wäre er vermutlich vergast worden. Seine beiden Schwestern Elli und Valli wurden in den Gaskammern von Kulmhof umgebracht. Seine Schwester Ottla kam erst nach Theresienstadt und dann nach Ausschwitz, wo sie getötet wurde. Genau so wie seine zweite Verlobte Julie. Seine Freundin Milena starb im KZ Ravensbrück. Sein Onkel nahm sich das Leben am Vorabend seiner Deportation. Sein Freund Jizchak Löwy, ein jüdischer Schauspieler, kam ins Vernichtungslager Treblinka. An seinem Sterbebett hat Kafka seinen besten Freund Max Brod beaufgetragt, all seine Schriften zu verbrennen, was dieser zum Glück nicht tat.

 

Der Notierende 

Einer hat "Die Notizen oder von der unvoreiligen Versöhnung" von Ludwig Hohl zu lesen begonnen und nie mehr mit dieser Lektüre aufgehört. Nicht nur weil das Werk 804 Seiten umfasst und damit fast so voluminös ist wie das Alte Testament. Sondern vor allem, weil jedes der 12 Kapitel einen verlockenden oder irritierenden wenn nicht gar inspirierenden Titel trägt: Vom Arbeiten / Vom Erreichbaren und vom Unerreichbaren / Reden, Schwatzen, Schweigen / Der Leser / Kunst / Vom Schreiben / Varia Anhang zu VII. Autobiografisches / Apotheker / Literatur / Traum und Träume / Vom Tod / Bild (Geist - Welt - Versöhnung - das Reale). All dies prägt, irritiert, verwundert einen beim Lesen und lockt ihn zum Schreiben seiner "Konserven".

 

Der Sterbende

Emanuel Bucher - dessen Vater Gastwirt, Weinhändler und Dichter war - wird auf dem Berg der Engel Mönch und Musiker. Die Liste seiner Kompositionen ist lang und reicht von „Benedicte Dominum omnes angeli ejus – Coro maschile, org; op 17“ bis „Mont Everest – orch, PauB p. 106“. Wenn jemand aus dem Kloster gestorben ist, wird der Unterricht abgesagt und ein Requiem eingeübt. Weil der gesundheitliche Zustand von Pater Emanuel sich massiv verschlechtert, trägt ihm eine Delegation des Chors am Sterbebett seine eigene Vertonung des Psalms 121 vor: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“. Und einer sieht, wie aus den Augen von Pater Emanuel Tränen rinnen.

 

Der Konservator

Einer macht das Verhaltene, das Haltlose, das Unhaltbare haltbar.

 

 
 
 
 
 
 
 
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