. . . s c h l e n d e r n . . .

 

Der Begeher und der Beseher kennen sich gut. Sie sind sogar eng verwandt. Sie sind nämlich Zwillinge, siamesische Zwillinge. Womöglich sind sie ein und dieselbe Person. Diese Person hat sich in jungen Jahren die Kunst des Flanierens angeeignet. Der ideale Ort für solche Lehrgänge ist Paris. Statt wie geplant die Sommerkurse an der école de langue zu absolvieren, promeniert einer tage- und nächtelang stadtplanlos durch das wuchernde Labyrinth. Im grossartigen Unterschied zum stationären Beobachten - beispielsweise aus der durchaus verlockenden Perspektive eines Strassencafés - vereinigt sich beim gelassenen Schreiten und Schauen die von aussen heranflutende Vielfalt von Sinneseindrücken laufend mit der körpereignen Polyrhythmik von Schritt, Atem und Puls. Dieses betörende Zusammenströmen führt zu jenem schwebenden Zustand, bei dem einer mit der Welt und die Welt mit einem eins ist.

Mit seinen Mitschülern der zweiten Progymnasialklasse - zuvorkommend begleitet und zurückhaltend überwacht vom benediktinischphilosophischen Prorektor - verbringt der Begeher und Beseher in Paris einen Sommermonat zur Vertiefung und Anwendung seiner Französischkenntnisse. Ihre Pension befindet sich direkt neben einem Kulturkino mit durchlässiger Schallisolation. Abend für Abend wiegt Violetta die Jünglinge mit ihren herzzerreissenden Arien in süssesten Schlummer. Doch einer ist allzu spät noch unterwegs, findet sich irgendwie irgendwo in einer verlorenen Gasse unterhalb der Sacré-Cœur, wo ihm endlich eine mit allergrösster Selbstverständlichkeit die Arme um den Hals schlingt, Wange innig an Wange schmiegt, die Nase ganz fein an seiner reibt, mit der feuchten Spitze des Züngleins zärtlich die Linie seiner Lippen nachzeichnet, ihm dann endlich die Zunge in den Mund steckt und schliesslich mit beglückender Hand in den Schritt fasst.

Eine Geschichte ist ein Haus, pflegt der Begeher und Beseher auf die Frage nach dem Wahrheitsgehalt seiner Erzählungen zu antworten. Hoch oben im Dachstock logiert das verzehrende, metaphysische Sehnen und zuunterst im feuchtdunklen Keller verstecken sich verwilderte Erinnerungen und wunderbar schmutzige Träume. Im Parterre wohnen das Absehbare, das Plagiat und die Ambition, im Hochparterre die präzise Beobachtung, das saubere Handwerk, der gute Stil und der elegant geschwungene Spannungsbogen, in der Belle Etage das betörend Unerhörte, das Traumtänzerische und die unermessliche Leidenschaft. Die Wahrheit aber wohnt an einer unbekannten Adresse. Darum beantwortet er die Frage, ob er selber im Erzählten wohne, gerne wahrheitsgemäss mit ja und nein.

Und es ward ihnen gegeben, dass man sie nicht tötete, sondern sie quälte fünf Monate lang. Und ihre Qual war wie die Qual des Skorpions, wenn er einen Menschen schlägt. In der Rue Saint-Sébastien schlängelt sich eine durch das notorische Hin und Her der Fahrzeuge und wendet sich abwechselnd an die Passanten auf den gegenüberliegenden Trottoiren. Einige sind amüsiert, andere entsetzt, die meisten bemüht unberührt. So einer einen ungehorsamen Sohn hat, so sollen ihn steinigen alle Leute dieser Stadt, dass er sterbe. Den passierenden Autos weicht sie voll unerhörtem Gottvertrauen erst im allerletzten Moment aus. Einzelne versuchen, sie weg von der Strasse und hin zum Schweigen zu bringen. Vergeblich. Einem orthodoxen Juden droht sie mit der Faust und verflucht ihn als Christusmörder. Der Begeher und Beseher hört sich rufen: Jesus war selber Jude. Du irrst, entgegnet die Predigerin erhaben, Jesus ist Gottes Sohn. Er, der Herr, dein Gott wird diese Mörder ausrotten.

Geschichten beginnen mit dem schlendernden Begehen und sich wundernden Besehen der Welt. Flanieren Sie dort, wo Sie nichts verloren haben. Wichtig ist, dass Sie dabei nichts suchen. Damit wachsen Ihre Chancen, zufällig etwas zu finden. Sei es eine Gestalt, ein Gesicht, eine Geste - Hauptsache, es ist für Sie in diesem Moment auf unerklärliche Weise bedeutend. Verpacken Sie ihren Findling gedankenlos in Worte. Ein paar rasch hingeworfene Sprachfetzen genügen. Formen Sie diese Wörter nun laut und flüsternd im Rhythmus Ihrer Schritte. Wenn Sie beim sich Zuhören ein Spiel von Sinn und Klang bemerken, ist der Keim für eine Geschichte geschaffen. Nun ist es wichtig, von diesem Keimling nichts zu erwarten. Am besten legen Sie ihn in Ihren Fundus, um ihn dort sorgfältig zu vergessen und unbekümmert weiter zu schlendern.

Nach einer schlaflosen Nacht im noch menschenleeren Jardin Catherine-Labouré. Kurz vor dem Aufleuchten des Purpurlichts am Horizont und dem grossen Erwachen der Stadt. Ein paar streunende Hunde streiten um irgendetwas Fressbares. Auf einer Bank sieht der Begeher und Beseher einen alten Mann. Zurückgelehnt. Der Kopf im Nacken erstarrt. Die Augen und der Mund weit geöffnet. Regungslos. Die Haut wächsern, fast durchsichtig. Bläulich schimmernde Adern. Ein Schaum von Speichel auf den Lippen. Urin im Schritt. Keine Bewegung. Nur auf der Uhr an seinem Handgelenk zittert der Zeiger noch immer von Sekunde zu Sekunde. Das Gesicht in grösster Ruhe auf das allmählich beginnende Leuchten des Lichts in der Luft gerichtet. Wenn einer endet, ändert der Atem die Richtung. Und der Blick wendet. Was er lange sah, sieht nun ihn: Einen für immer überglücklichen Menschen, ganz Teil von allem.

Geschichten sind wuchernde Erinnerungen. Am fruchtbarsten gedeiht dieser Wildwuchs in jenem schwebenden Zustand, wenn der Schlaf allmählich vergeht und das Erwachen zögernd beginnt. Übersetzen Sie Ihr Erinnern im Rhythmus Ihres Atems flüsternd und laut in Worte. Wenn Sie beim sich zuhören merken, dass aus diesen Wörtern Sätze werden und aus den Sätzen eine Geschichte, die sich wie von selbst entfaltet, ist es mit dem Schlendrian vorbei: Jetzt schreiben Sie zeit- und ortsvergessen in äusserster Konzentration. Berauscht treiben Sie das unbändige Wuchern dieser Wortkonstellation immer weiter und bringen sie zugleich mit der nüchternen Sorgfalt eines Gärtners in die ihr eigene Form. Hier ein Trieb der gebunden, da ein Zweig der gestutzt, dort ein Unkraut das gejätet werden muss. Vor allem aber lassen Sie mit aufmerksamer Geduld Wachsendes wachsen - präzis bis zu jenem einen, unwiederbringlichen Moment der Reife. Dann liegt die Geschichte vor Ihnen und schaut Sie an, als wäre sie schon immer gewesen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
© rainer frei