Das winzige Weltall

Das Weltall ist unermesslich gross und still, unendlich still. Geräuschlos entstehen und vergehen ganze Galaxien. Wo es keine Luft gibt, gibt es kein Geräusch. Die Erde ist von einer Luftschicht umgeben. Darum ist es hier manchmal laut, manchmal ruhig. Und wenn es sehr ruhig ist, hören wir zumindest noch unseren Atem und das pulsierende Rauschen des Blutes. Ganz still ist es nie.

Lebewesen haben ein Innenleben. Das Innenleben von Menschen umfasst das ganze Spektrum vom vegetativen Impuls bis zum klaren Gedanken. Wobei Letzteres im Unterschied zu Ersterem eher selten vorkommt. Manche Tiere können ihr Innenleben akustisch ausdrücken und sich so mit anderen Tieren austauschen. Dies unterscheidet sie vermutlich von den wunderbar stillen Pflanzen.

Die Menschen haben für diesen Austausch ein ausgeklügeltes akustisches System entwickelt: das Sprechen. Zudem können sich viele Menschen auch mit einem ebenso ausgeklügelten optischen System ausdrücken: mit der Schrift. Die Fähigkeit zu Schreiben unterscheidet die Menschen vermutlich von den anderen Tieren. Sprache besteht aus Sprechen und Schreiben. Mittels Sprache tauschen sich Menschen mit anderen Menschen und auch mit sich selber aus. Die Erde ist von einer Luftschicht umgeben, in der es nie ganz still wird. Genauso sind die Menschen von einer Sprachschicht umgeben, die sie nie ganz in Ruhe lässt.

Die nie ganz stille Erde ist von einem unendlich stillen Weltall umgeben. Genauso ist ein Gedicht von Schweigen umgeben. Um ein geschriebenes Gedicht herum ist unbeschriebenes Papier. Dieser sprachlose Raum ist ein wesentlicher Teil des Gedichts. Vor und nach einem gesprochenen Gedicht wird geschwiegen. Diese sprachlose Zeit ist ein wesentlicher Teil des Gedichts. Vor allem aber kann ein Gedicht nur in einem sprachlosen Zeitraum geschaffen werden. Ein Gedicht entsteht und lebt in einer fruchtbaren Blase des Schweigens, in einem winzig kleinen und unendlich stillen Weltall.

 

 

Anleitung zum Gebrauch von Gedichten

Gedichte sind Ärgernisse. Sie sehen aus wie leichtverdauliche Lesehäppchen, sind kurz und übersichtlich und entsprechen damit eigentlich den Anforderungen der auf rasche Alltagslektüre eingestellten Augen. Doch der erste Eindruck täuscht. Die einzelnen Worte sind zwar zumeist einfach verständlich. Die Augen entziffern geschwind eins nach dem andern. Und das Hirn hakt sie ebenso geschwind als verstanden ab. Aber schon bald leuchtet ein Warnlämpchen: Die als Einzelne verstandenen Worte lassen sich nicht zu einem als Ganzes verständlichen Text verknüpfen. Kein Problem. Kommt vor. Nochmals von vorn und mit reduziertem Lesetempo, dann wird es schon werden. Leider nicht. Auch nach der zweiten Lektüre bleibt das Gelesene schleierhaft. Wer das zu Papier gebracht hat, kann offenbar nicht schreiben. Unvermögen als plausible Erklärung. Eine andere wäre Arroganz, die sich um Unverständnis foutiert oder den Lesenden deren Unverstand gar vorführen will. Dann werden nicht nur Gedichte zum Ärgernis, sondern auch die Dichtenden.
 
Im Sinne einer Anleitung zum Gebrauch von Gedichten folgende Empfehlung: Betrachten Sie ein Gedicht nicht als Text. Betrachten Sie es als Partitur. Eine Partitur ist mittels Noten abgebildete Musik. Akustisches wurde in Optisches übersetzt und das Ohr durch das Auge ersetzt. Musik nach Noten zu spielen bedeutet, diese in Klang zurück zu übersetzen. Genau dies ist auch bei einem Gedicht der Fall. Ein Gedicht lesen - oder schöner und genauer: ein Gedicht spielen - bedeutet, Buchstaben in Klang zurück zu übersetzen. Am besten geht das, wenn Sie sich ein Gedicht mehrmals laut und flüsternd vorlesen und sich selber dabei gut zuhören. Je besser Sie das Gedicht lesen und mit ihm zu spielen lernen, desto verständlicher wird es Ihnen. Vorausgesetzt, das Gedicht sagt Ihnen etwas. Trauen Sie Ihren Ohren. Je genauer Sie zuhören, desto - im wortwörtlichen Sinn - selbstverständlicher wird Ihnen das Gedicht. Die Bedeutung, die es für Sie hat, erschliesst sich Ihnen mit der Zeit von selbst - und im Laufe der Zeit immer wieder aufs Neue. Am besten hören Sie, wenn Sie nicht sehen. Wenn Sie mit geschlossenen Augen hören, wie Sie sich selber ein Gedicht aufsagen, dann haben Sie dieses Gedicht nicht nur verstanden, sondern vielmehr: Das Gedicht ist Teil von Ihnen geworden.
 
 
 
 
 

Anleitung zur Herstellung von Gedichten

Das Herstellen von Gedichten beginnt mit dem schlendernden Begehen und sich wundernden Besehen der Welt. Flanieren Sie dort, wo Sie nichts verloren haben, beispielsweise über Rummelplätze oder durch Museen, Kasernen und zoologische Gärten. Wichtig ist, dass Sie dabei nichts suchen. Damit wachsen Ihre Chancen, zufällig etwas zu finden. Sei es ein Geräusch, ein Geruch, eine Geste - Hauptsache, es ist für Sie in diesem Moment auf unerklärliche Weise bedeutend. Verpacken Sie diesen Zufallsfund gedankenlos in Sprache. Ein rasch hingeworfener Sprachfetzen genügt. Formen Sie diese Wörter nun laut und flüsternd im Rhythmus Ihrer Schritte. Wenn Sie beim Zuhören ein Spiel von Sinn und Klang bemerken, ist der Keim für ein Gedicht geschaffen. Jetzt ist entscheidend, dass Sie von diesem Keimling nichts erwarten. Stecken Sie ihn absichtslos weg, um ihn gleich zu vergessen und unbekümmert weiter zu schlendern.
 
Nicht aus jedem Keim wird ein Gedicht. Die meisten hören bald sang- und klanglos auf zu sein. Aber ab und zu kommt Ihnen einer wieder in den Sinn. Vielleicht nach ein paar Tagen. Vielleicht nach ein paar Jahren. Und am allerliebsten in jenem schwebenden Zustand, wenn der Schlaf allmählich vergeht und das Erwachen zögernd beginnt. Formen Sie die damals rasch hingeworfenen Wörter nun flüsternd und laut im Rhythmus Ihres Atems. Wenn Sie beim Zuhören bemerken, dass sich die Worte wie von selbst entfalten, ist es mit dem Schlendrian vorbei. Jetzt arbeiten Sie zeit- und ortsvergessen in äusserster Konzentration. Berauscht treiben Sie das wuchernde Spiel der Sinn- und Klangkonstellation immer weiter und bringen sie zugleich mit der nüchternen Sorgfalt eines Gärtners in die ihr eigene Form. Hier ein Trieb der gebunden, da ein Zweig der gestutzt, dort ein Unkraut das gejätet werden muss. Vor allem aber lassen Sie mit aufmerksamer Geduld Wachsendes wachsen – präzis bis zu jenem einen, unwiederbringlichen Moment der Reife. Dann liegt das Gedicht vor Ihnen und schaut Sie an, als wäre es schon immer gewesen.
 
 
 
 
 

Die artgerechte Haltung von Gedichten

Gedichte sind fluchtfertige Kreaturen. Kaum angedacht, gehen sie vergessen. Kaum ausgesprochen, lösen sie sich in Luft auf. Aber vielleicht kehrt das eine oder andere, wenn es wieder wärmer wird, zurück, flattert einem um den Kopf und dreht ein paar handkolorierte Kapriolen. Dann bauen wir ihm ein Nest aus Papier und hoffen, dass es dort Schwarz auf Weiss gedeiht. Ein bewährtes Vorgehen, um die Haltbarkeit von Gedichten zu erhöhen, ihre Entfaltung zu fördern und allenfalls gar ihre Fortpflanzung zu stimulieren.

Wer solche Nester im Zeitraffer beobachtet, sieht ein ameisenartiges Gewimmel von Buchstaben, aus denen sich immer wieder andere Wörter und Wortkonstellationen bilden, bis sich alles allmählich verlangsamt und zur Ruhe - aber nicht zum Stillstand - kommt. Dann hat das Gedicht seine Form gefunden. Und wenn es ein gelungenes Gedicht ist, schwebt über dieser Form die Poesie.

Gute Nester haben die Eigenschaft, von unten Halt zu geben und gleichzeitig nach oben offen zu sein. Gute Gedichte verfügen über ähnliche Qualitäten. Beachten Sie aber bitte, dass allzu viele Nester dazu neigen, die Öffnung nach oben allmählich kleiner werden zu lassen und sich auf diese Weise in einen Käfig zu verwandeln. Ähnliches kann leider auch mit stillstehenden Gedichten geschehen. In der Enge kann die Poesie nicht schweben. Wir müssen darum an dieser Stelle in aller Deutlichkeit darauf hinweisen, dass Käfige mit der artegerechten Haltung von Gedichten in keiner Weise zu vereinbaren sind.

 

 

Anleitung zum Gebrauch der Mundart

Mundart und Schriftsprache sind eng verwandt aber eigensinnig. Sie sind wie eine Mutter und ihre erwachsene Tochter. Sprache wird zuerst gesprochen und erst später geschrieben. Zwischen der Entwicklung des Sprechens und der Entwicklung des Schreibens liegen Jahrtausende. Die Geschichte der Menschheit spiegelt sich in der Geschichte des einzelnen Menschen. Die Sprache, die ein Embryo in der Gebärmutter wahrnimmt, ist die Mundart der Mutter, die Muttersprache im wortwörtlichen Sinn. Aus dieser Sprache entwickelt das Kleinkind, wenn es verstehen und sprechen lernt, seine eigene Mundart. Wenn das Kind zu schreiben beginnt, lernt es, seine Mundart in Schriftsprache zu übersetzten. Wenn es viel liest und schreibt, wird ihm die Schriftsprache zu einer zweiten Muttersprache, quasi zu seiner Stiefmuttersprache. Weil wir in der Stiefmuttersprache schreiben gelernt haben, fällt es vielen schwer, Mundart zu schreiben. Und manches können wir in der Stiefmuttersprache auch einfacher und genauer sagen, womöglich weil wir in dieser Sprache ausgebildet wurden. Aber fast alle spüren, dass ihre Mundart sie wie keine andere Sprache im Innersten berührt.

Gute Kunst vereint Rausch und Nüchternheit - Dionysos und Apollon. Ein gutes Gedicht berührt im Innersten und ist zugleich glasklar. Ob dies gelingt, hängt nicht so sehr vom Inhalt oder der Form ab, sondern von der Sprache und zwar von jedem einzelnen Wort. Ein Gedicht schreiben heisst, solange in seinem Wortschatz wühlen bis man die für dieses Gedicht wertvollsten Wörter herausgeklaubt und sie in der perfekten Folge aufgereiht hat. Die Schriftsprache neigt zur Nüchternheit. D Mundart isch maischtens äs birebizz vertrüllet, denn nie waren wir berauschter als in der Gebärmutter. Das lässt sich beim Dichten nutzen: Es ist eine Herausforderung, ein berührendes, aber nicht sentimentales Liebesgedicht zu schreiben, insbesondere wenn man verliebt ist. In der Schriftsprache gelingt dies dank deren tendenziellen Nüchternheit eher. Umgekehrt ist es schwierig die betörende Schönheit die der Blick durch ein Teleskop eröffnet in Schriftsprache so auszudrücken, dass es nicht wie eine wissenschaftliche Arbeit klingt. In Mundart lüchtet über däre trümlige Wält wiit meh als hunderttuusig Schtärne und drüber isch alles gwundertunkel.

 

 
 

Das Gedicht als Konstellation von Klängen

Lyrik und Musik waren bis vor kurzem unzertrennlich verbunden. Seit jeher haben Dichtende ihre Gedichte gesungen, ob sie nun Orpheus, Sappho, Walter von der Vogelweide, Hildegard von Bingen oder am Ende gar Wolf Biermann heissen. Doch leider ist diese erotische Liaison inzwischen weitgehend erkaltet. Zurückgeblieben sind zwei Geschiedene: Die Lyrik, die einsam und verlassen in der engen Ecke für zeitgenössische Dichtung hockt; und die Musik, die auch alleine gut zu Recht kommt. Und wenn sich die beiden ab und zu doch wieder verbandeln, wird daraus nur selten ein Lied und meistens ein Song.

Heute werden Gedichte, wenn überhaupt, zumeist still gelesen. Aber: Ein Gedicht still zu lesen ist äusserst anspruchsvoll. Beinahe so anspruchsvoll, wie das Lesen einer Partitur. Und selbst wer geübt ist, Partituren beispielsweise von Symphonien zu lesen, hat nur einen Bruchteil des überwältigenden Eindrucks, den das Hören einer Symphonie vermittelt. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem stillen Lesen von Gedichten.

Ein Gedicht ist weit mehr als ein blosser Text. Es ist immer auch - und manchmal sogar vor allem - eine Klangkonstellation. Sie werden darum einem Gedicht nur gerecht, wenn Sie es sich anhören. Am einfachsten geschieht dies, wenn Sie sich ein Gedicht selber laut oder flüsternd vorlesen. Am besten hören Sie, wenn Sie nicht sehen. Wenn Sie einem Gedicht wirklich Gehör verschaffen wollen, sollten Sie es sich darum mit geschlossen Augen und lauter oder flüsternder Stimme zum Klingen bringen. Oder das Gedicht wird Ihnen durch eine andere Person vorgetragen. Dafür braucht es allerdings einen begnadeten Rezitator oder - am allerbesten - den Dichter oder die Dichterin selbst. Mich hat kaum je ein Kunstwerk so sehr berührt, wie „Erklär mir, Liebe“ - mit erschütternd zerbrechlicher Stimme gesprochen von Ingeborg Bachmann.

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
© rainer frei